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Eröffnungsrede BOUND by Love Vernissage 2026

  • Writer: Miyo Noire
    Miyo Noire
  • Mar 19
  • 6 min read

Leider mussten wir beim Event selbst aus Zeitgründen etwas kürzen. Wir finden aber das Thema - vor allem in Verbindung mit den Bildern - so wichtig, dass wir euch die Rede ausgeschrieben haben :)

 

Guten Abend und danke, dass ihr heute hier seid!

 

Wir freuen uns sehr, euch heute etwas über das Projekt BOUND by LOVE erzählen zu dürfen. Wir sind Miyo und Tilia, und wir dürfen euch kurz das Team vorstellen:

Pics: Elena Strawberry

Models: Jay, Michaela, Jana, Rebekka, Teresa

Assist & Blumen: Delia & Frau Blume

Ropes: Miyo & Tila

 

 

ZUM PROJEKT

Wir sind ein queer-feministisches Seil Kunst Projekt, das von einer engagierten Gruppe queerer, bisexueller und lesbischer Frauen 2023 ins Leben gerufen wurde. Bei uns geht es um 3 Dinge:


  • Die Sichtbarkeit sapphischer (also queerer weiblicher) Liebe und Kreativität im BDSM/Shibari – also Shibari als Kunstform

  • Wir möchten queere & feministische Vereine in Österreich unterstützen durch unsere Ausstellungen

  • Wir möchten zum Diskurs anregen

 

Unsere erste Ausstellung im Jahr 2023 brachte 1700 Euro ein, die wir an den Verein „Queer Base – Willkommen und Unterstützung für LGBTIQ-Geflüchtete“ spendeten. Die Organisation wurde 2015 gegründet, hat ihren Sitz in Wien und unterstützt LGBTIQ-Personen, die aufgrund homophober oder transphober Verfolgung als „Mitglied einer sozialen Gruppe“ Asyl beantragt haben.

 

Unsere zweite Ausstellung im Jahr 2026 (wo ihr hier und jetzt seid) wird das CRUCIBLE unterstützen – einen queeren feministischen, kink- und sexpositiven Verein und eine Community, die in der Wiener queeren BDSM-Szene unverzichtbar ist. Benji vom CRUCIBLE wird euch noch mehr zum CRUCIBLE erzählen und wo/wie ihr heute genau unterstützen könnt.

 

 

ZUM SHOOT

Was ihr hier heute sehen könnt, ist eine Zusammenstellung aus 3 Shootings (2023, 2024, 2025). Wir haben grobe „Working-Titels“:

2023 – Bound by Love

2024 – Bound by Nature

2025-Bound by #3

 

Was ihr generell in allen Serien seht, ist der Versuch, eine bestimmte Erfahrung sichtbar zu machen: eine Erfahrung von Zugehörigkeit, Vertrauen, Verletzlichkeit und Hingabe in einem sapphischen Kontext.

Wir verwenden queere Erotik nicht als Stilmittel - alle in unserem Team sind auf die ein oder andere Art queer, bi, pan oder lesbisch - für uns ist das ein gelebtes und erlebtes Gefühl. Sapphische Intimität ist für uns kein ästhetischer Trend – das sind wir und unsere Lebensrealität. Und jede hier im Publikum, die das schon mal erlebt hat weiß - sapphische Intimität ist eigene Kategorie, eine eigene Sprache, ein ganz eigenes Erleben – ein eigenes Universum.


Es geht uns und unseren Bilder also definitiv nicht darum, ein Klischee von weiblichen Rope Bunnies zu zeigen, sondern eine Form und Gefühl von Beziehung.

 

 

ZU SHOOT #3

Was wir vor allem in unserem letzten Shooting Bound by #3 thematisieren wollten, sind die Themen

  • Romantisierung bzw. Mechanismen von Romantisierung (also nicht das individuelle Gefühl, sondern das kulturelles Narrativ und die Sozialisierung)

  • Dabei insbesondere die Motive „Unschuld, Hochzeit, Zartheit, Blumen“ als disneyland-verklärtes Ziel weiblicher Erfüllung

 

Was in diesem kulturellen Narrativ vermittelt wird ist „Sei weiß, weich, schön, dann bekommst du Sicherheit, Anerkennung und Liebe.“

Dieses Narrativ ist nicht neutral. Und Bilder, die das vermitteln, sind nicht neutral.

 

Denn diese Ästhetik „weiß, weich, schön“ produziert Erwartungen: Wenn Frauen nur weiß, weich, schön sein dürfen, dann müssen sie bzgl. Wut, Zweifel, Bedürfnisse, Machtverhältnisse und andere „unromantische“ Themen vor allem eins sein: still. Sonst zerbricht das ganze Bild und Konzept.

 

Diese Stille seht ihr auf den Bildern immer wieder, wir haben uns da einen schönen Token ausgedacht – das (Blumen)GAGsteck. Das GAGsteck macht dich leise. Man kann nicht wirklich atmen damit. Es stecken unterschiedlich harte und unterschiedlich dicke Stengel im Rachen. Sie tun weh. Aber macht man den Mund weiter brav zu, sonst verliert man die Blumen.

 

Und: Es geht nicht darum "gegen Männer" oder klassische Hetero-Normative zu fingerpointen. Wir pointen auf dieses kulturelle, systemische Narrativ, die Sozialisierung. Wir pointen damit auch auf uns Frauen. Wir haben dieses ganze Konzept der Romantisierung so internalisiert, wir erwischen uns immer wieder dabei, wie wir es reproduzieren (Social Media ist voll davon) – wir wollen schön sein, weich, liebevoll, begehrenswert, perfekt sein - und wir silencen uns mit diesem Anspruch selbst. Wir ersticken uns selbst - Es ist zum Blumen kotzen.

 

Jetzt ist die Frage:

Warum stellen wir das auf den Bildern dann so dar?

Wir wollten genau diese Bildsprache verwenden. Nicht, um sie zu reproduzieren – sondern um sie – und euch - zu irritieren.

Die weißen Kleider, die Blumen, all das sind vertraute Codes, wir erkennen diese Bilder sofort: Wir haben sie tausendfach gesehen (Magazinen, Filmen, Werbung, Social Media. Sie sind tief in unserem Bewussten & Unterbewusstsein verankert).

Wenn wir diese Codes nun nehmen und sie leicht verschieben – durch die Ropes, durch den sapphischen Kontext, durch unsere Rede hier - entsteht Irritation & Reibung. Und mit Irritation & Reibung entstehen Bewusstsein und Fragen.


Die Fragen können sein:

Ist das hier wirklich nur Zartheit? Oder ist es auch Disziplinierung?

Ist das Hingabe – oder Erwartung?

Ist das Romantik – oder eine ästhetisierte Form von Kontrolle?


Romantisierung kann als Machtinstrument funktionieren und ist dabei nicht mal laut, oder brutal – sondern weich, schön, freiwillig. (Fragezeichen?)

Und wieder, versteht mich nicht falsch: Ein feministischer Blick bedeutet (für mich) hier nicht, individuelle Romantik grundsätzlich abzulehnen. Aber es geht darum das ganze Bild zu sehen. Und dass hinter Stille oft nicht Frieden und Glück steht, sondern Anpassung und Selbstverleugnung.

 

Haben wir von BOUND by Love die Lösung?

Nein.

Aber: Bilder haben Macht. Unser Ziel für heute ist ein bisschen Reibung, vielleicht Unbehagen, aber in jedem Fall Diskurs und Fragen zu erzeugen.

 

Ich hoffe, dass ihr diese Bilder heute nicht nur als ästhetische Objekte seht, sondern als Einladung, über eure eigenen Beziehungen zu Macht, Nähe, Vertrauen und Romantik und Stille nachzudenken.

Und vielleicht auch eine Einladung, miteinander ins Gespräch zu kommen.

 

 

APPELL FÜR ZUSAMMENHALT ;)

Ja und in diesem Sinne…weil man in Zeiten wie diesen (ich glaub ihr wisst auf wen/was ich anspiele) auf einem feministischen Event (wo es heute um Romantisierung und Silencing geht) innerhalb der BDSM Szene (wo es definitiv um bewusste Macht & Machtgefälle geht) nicht drum herum kommen kann – noch ein paar deutlichere Worte zum Thema (struktureller) Machtmissbrauch.

Weil auch da geht’s um Stille, Schweigen, Relativieren, Weghören.

 

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber mir war in den letzten Wochen irgendwann klar – nur auf Epstein zu pointen ohne zu schauen, was das potentiell mit mir, mit uns, unserer Szene, unseren Räumen, unseren Communities zu tun hat und zu schauen, was wir vielleicht für uns lernen können – das ist mir zu einfach.


Und ich bleibe jetzt der Einfachheit halber mal bei den Begriffen Romantisierung und Stille.

 

Romantisierung spielt eine Rolle, wenn...

  • Übergriffe als „Missverständnisse“ verklärt werden.

  • Wenn Betroffene still werden, um nicht als schwierig oder karriere/familiengefährdend zu gelten.

  • Wenn Gewalt, Grenzverletzungen oder Machtmissbrauch „es ist kompliziert“, „privat“ oder „nicht so gemeint“ genannt werden

 

Wenn Dinge nicht benannt werden (können), werden sie unsichtbar. Und damit sind wir wieder bei der Stille.

 

Und beim Thema Dinge erkennen & benennen sehen wir eine große Verantwortung unserer Szene: Die Szene um BDSM, Kink, S+, offen, Poly, etc. verstehen sich als progressiv, viele traditionelle Beziehungsformen werden hier dekonstruiert, Sexualitätspraktiken, Hierarchien, Macht und Machtszenerien expliziert und neu verhandelt - und das ist gut.

Aber: Formen dekonstruieren, Grenzen aufheben und neu setzen, etc. bringt die Verantwortung mit sich darauf bedacht und bewusst zu sein - was braucht in diesen neuen Räumen Sprache, "Bezeichnung"? Welche Grenzen und Regeln braucht es in diesen neuen Räumen? Und wie wollen wir als Communiy damit umgehen? Und wenn es um Community geht, sind wir wieder bei Solidarität & Zusammenhalt.

 

Solidarität & Zusammenhalt ist kein romantischer Insta Post. Solidarität wird nicht nur gefühlt, sondern praktiziert und bedeutet:

 

Dass wir einander glauben und einander zuzuhören.

Dass wir zuhören, auch wenn es unbequem ist.

Einander ernst zu nehmen.

Einander nicht gegeneinander ausspielen und isolieren zu lassen.

Nicht Konkurrenz den Vorzug geben, wo Verbindung möglich wäre.

Dass wir Machtverhältnisse benennen – auch dann, wenn sie uns selbst betreffen oder wenn sie von Menschen ausgehen, die wir schätzen.

 

Solidarität bedeutet, dass wir uns gegenseitig schützen und stützen.


Und dass wir lernen, Romantik, Zugehörigkeit und Begehren neu zu denken: nicht als etwas, das uns zum Schweigen bringt, sondern als etwas, das uns handlungsfähig macht.

 

 

ABSCHLUSS

Vielen Dank an alle Menschen und Vereinen, die dieses Projekt möglich gemacht haben, ganz besonders:

 

  • noch einmal unserer Fotografin Elena Strawberry

  • Das Kinbaku Studio Vienna & das CRUCIBLE & die Stadt Wien und der Donauinsel – danke, dass wir bei euch shooten durften

 

Und danke euch, dass ihr heute hier seid, diesen Raum mit uns teilt und hoffentlich das CRUCIBLE tatkräftig mit euren Loskäufen unterstützt!


 

 

 
 
 

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